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VIRGINIA WOOLF: ZUM LEUCHTTURM

VIRGINIA WOOLF: ZUM LEUCHTTURM

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aus dem Englischen von Gaby Hartel

Hörspiel in 3 Teilen
Bayerischer Rundfunk 2016

Bearbeitung: Gaby Hartel
Komposition: Ulrike Haage
Regie: Katja Langenbach

Ursendung 20.11.2016, Bayern2

Das Hörspiel ist im Hörspielpool verfügbar. 

Mit : Zoe Hutmacher, Wiebke Puls und Irina Wanka sowie Peter Brombacher, Caroline Ebner, Sven Gey, Karolina Horster, Walter Hess, Shenja Lacher, Christian Löber, Julia Loibl, Krista Posch, Elisabeth Schwarz, Moritz Zehner

Am Anfang steht die Frage des kleinen James Ramsay, ob die für den nächsten Tag geplante Segeltour zum Leuchtturm stattfinden wird. Das Wetter verhindert den Ausflug. Zehn Jahre vergehen bis zur Erfüllung seines Kindheitstraums, womit der autobiographische Roman von Virginia Woolf endet. Anhand der Erlebnisse der Familie Ramsay und einiger Freunde in einem schottischen Ferienhaus, verschachtelt Woolf die Gleichzeitigkeit und Unordnung von unmittelbar erfahrenem und reflektiertem Leben. Sie kontrastiert einen auf die Menschen gerichteten Blickcluster mit der vom menschlichen Schicksal ungerührt fortschreitenden Zeit, in der Kriege und menschliche Tragödien nur winzige, unwichtige Episoden darstellen. Virginia Woolf wusste früh, dass dieser Roman vom Klang des Meeres unterlegt sein sollte und es scheint, als habe sich die Autorin so auch in einen Schreibrhythmus gewiegt, der sie in ihre Kindheit zurückführte. Zum Leuchtturm wird von Natur- und Alltagsgeräuschen getragen, von Gesprächsfetzen oder erinnerten Stimmen, die dieses Textgebilde schon beim Lesen emotional zum Leuchten bringen. Im Radio kommen sie zu sich.

VIRGINIA WOOLF: ORLANDO

VIRGINIA WOOLF: ORLANDO

aus dem Englischen von Gaby Hartel
Hörspiel in 6 Teilen
Bayerischer Rundfunk 2013

 

Bearbeitung: Gaby Hartel
Komposition: Ulrike Haage
Regie: Katja Langenbach

Alle Folgen sind im Hörspielpool verfügbar. 

Mit : Fabian Gröver, Paul Herwig, Brigitte Hobmeier, Hans Kremer, Wiebke Puls, Gabriel Raab, Georgia Stahl, Michaela Steiger

Diese Produktion kann im Hörspiel Pool des Bayerischen Rundfunks / Hörspiel und Medienkunst heruntergeladen werden.

Auf CD erhältlich.

„Ich will die Biographie über Nacht revolutionieren!“ notierte sich Virginia Woolf spät im Jahr 1927 euphorisch ins Tagebuch und der Funke war gezündet. Begeistert stürzte sie sich in das „Projekt Orlando“, das zum „Rückgrad ihres Herbstes“ wurde, ein Buch, das sie leichthändig „vor dem Abendessen schreiben“ konnte. Es machte ihr unendlich viel Spaß! Den Lesern übrigens auch, wie die Verkaufszahlen der ersten drei Wochen zeigten, die selbst die kühnsten Erwartungen übertrafen. Orlando war von Anfang an Legende. Was die energetische Dynamik anging, war dieses Buch ein Glücksfall für Woolf. Zwar floss bei dieser Autorin immer Privates mit Beruflichem zusammen, doch jetzt war sie angefeuert von der engen Beziehung, Begeisterung und Liebe zu einer schillernden Abenteurerin, der adeligen Vita Sackville-West. Als schönsten Liebesbrief der Literaturgeschichte hat man Orlando bezeichnet. Und sicher: Sackville-West stand ihrer Freundin in vielem Modell für diese Fantasie. Fakten wurden mit Fiktivem vermischt, zu symbolischen Szenen verdichtet, mit Goldstaub überzogen.

Trotzdem greift die Beschreibung vom Liebesbrief zu kurz. Denn vor allem gelang es Woolf hier unaufgeregt und verspielt, gesellschaftspolitisch und kulturhistorisch relevante Themen aufzugreifen. Die Stellung der Frau, die Aggression des Empire, die rückwirkende Deutung von Geschichte aus machtpolitischen Gründen. Alles, was Virginia Woolf als Denkerin ausmacht, finden wir hier. Scheinbar Unverrückbares wird funkelnd und satirisch zugleich demontiert: Stand, Status, Geschlecht und Geschichtsschreibung, Macht, Posen und Konventionen. Besonders viel Sorgfalt verwendet Woolf auf die Darstellung der Relativität von Zeit und Begebenheit.

Neben ihrer Begeisterung für Sackville-Wests Person, behandelt Orlando eine weitere Leidenschaft Woolfs: ihre Liebe zur Biographie als Genre. Als Leserin verschlang sie diese Bücher und reflektierte in ihren Notizen über die Form. Woher kam der oft anmaßende, allwissende Ton der Autoren? Woher der Glaube, die Figur so gut fassen zu können? Wieso erfahren wir oft mehr über Zeit und Moral des Biographen, als über die Person, die zur Debatte steht? Wieso erstickte oft eine buchhalterische Sprache jedes Gefühl für einen Menschen, der vor langer Zeit sehr lebendig war. Und, ganz zentral: wer legt eigentlich fest, dass Phantasie und Dichtung in einer Biographie nichts zu suchen haben. Woolf selbst gibt in Orlando vielen Positionen eine Stimme.

PRESSE

Funkkorrespondenz, 6.9.2013

Androgyn auf Zeitreise

Virginia Woolf: Orlando. 6-teilige Hörspielversion (Bayern 2)
Bayern 2 (BR) sonntags 14.7. bis 18.8. jeweils 15.00 bis 15.50 Uhr

Virginia Woolf hat ihren 1928 erschienenen phantastischen Roman „Orlando“ im Untertitel als „eine Biographie“ bezeichnet. Der Titelheld Orlando, als dessen Vorbild die Zeitgenossen Woolfs beste Freundin und Schriftstellerkollegin Victoria Sackville-West erkannten, ist eine Kunstfigur. Die Darstellung der vom elisabethanischen Zeitalter bis zur Entstehung des Romans reichenden Lebensgeschichte Orlandos ist ein literarisches Mixtum compositum aus Geschichtsschreibung, Kulturhistorie und Gesellschaftskritik und in der Beschreibung der Geschlechterrollen ein Plädoyer für die Emanzipation der Frau. Virginia Woolf wollte nach eigener Aussage das Genre Biographie „revolutionieren“ und räumte den Fiktionen und der subjektiven Einfühlung in den Charakter des Protagonisten den gleichen ästhetischen Stellenwert ein wie der historischen Authentizität. Am Hörspielbeginn – wir schreiben das Jahr 1586 – ist Orlando 16 Jahre alt und übt sich im Schreiben von Poesie; später wird der Schönling und Frauenliebling ein Günstling von Elisabeth I., die ihn zum Schatzmeister und Oberhofmeister ernennt. Orlandos Fortüne am Königshof findet zur Zeit der Regentschaft von James I. nach eine Affäre mit der russischen Prinzessin Sascha ein Ende, er wird verstoßen, ist bald finanziell ruiniert und zieht aufs Land. In einer depressiven Phase wirft er sein literarisches Werk, darunter nicht weniger als 57 Schauspiele, in den Ofen – mit Ausnahme seines ersten Lyrikbandes „The Oak Tree“, der ihn durch die Jahrhunderte begleiten wird.

König Jacob II. holt ihn an den Hof zurück, verleiht ihm den Herzog-Titel und schickt ihn als Gesandten nach Konstantinopel (Istanbul). Nach einem siebentägigen Tiefschlaf erlebt Orlando mit 37 Jahren seine Verwandlung vom Mann in eine Frau, er findet seine Identität in der Bisexualität. Orlando verbringt einige Zeit „bei Zigeunern“ in Thessalonien, heiratet dort auch, ehe er/sie als Frau nach England zurückkehrt. Als Lady Orlando hat sie während der Schiffsreise viele Gelegenheiten, über die Geschlechterrollen zu reflektieren und den von Männern oktroyierten Rollenbildern ihre emanzipatorischen Interessen entgegenzusetzen.

Als sie Anfang des 19. Jahrhunderts in London eintrifft, erkennt sie das London, in dem der männliche Orlando in der Renaissance gelebt hat, kaum wieder. Sie bezieht ihr früheres Haus auf dem Land und führt dort einen Salon, wo ihr der Hochadel und die Geistesgrößen der Zeit wie Edison, Dryden, Swift und Pope die Aufwartung machen. Orlando beklagt sich über die geringe Wertschätzung der Frau auch in der ‘besseren’ Gesellschaft, im britischen Empire sieht sie die Geschlechter „sich voneinander wegbewegen“. Sie reagiert auf die männliche Dominanz, indem sie wieder „ihre alte Männerkleidung anzieht, denn im Kern weiß sie sich als Mann und als Frau als derselbe Mensch“.

Orlando „geht mit dem Zeitgeist durch die Jahrhunderte“, am Anfang des letzten heiratet sie den Abenteurer Shelmerdine, wird auch Mutter, ehe die in dreieinhalb Jahrhunderten nur zwanzig Jahre älter Gewordene am Hörspielschluss noch einmal einen „Bewusstseinsstrom durch die Zeiten“ erlebt.

Gaby Hartel als Übersetzerin und Bearbeiterin und die Regisseurin Katja Langenbach waren bereits bei der gelungenen Hörspielproduktion von Virginia Woolfs Roman „Jacobs Zimmer“ (BR 2012; vgl. FK 51-52/12) ein erfolgreiches Team. Mit ihrer sechsteiligen Produktion „Orlando“, die den sechs Großkapiteln des Romans entspricht und mit rund 300 Minuten Sendezeit sehr viel vom Inhalt des 320-Seiten-Buchs enthält, haben sie den Roman, der nicht zu den besten der Autorin zählt, sehr überzeugend ins akustische Medium transferiert. Der Roman wie auch das Hörspiel haben nur einen geringen Dialoganteil, den strukturell differenzierten Prosabericht hat die Bearbeiterin auf drei Erzähler verteilt: auf die Autorin (gesprochen von Vera Weisbrod) und auf zwei Biographen (Wiebke Puls und Paul Herwig). Den umfangreichen Part des männlichen und weiblichen Orlando teilen sich gleichermaßen mit jeweils souveränen Sprecherleistungen Gabriel Rab und Georgia Stahl.

Regisseurin Katja Langenbach hat die Stimmen sehr differenziert geführt und sparsame Geräuschkulissen gebaut, die sich nicht gegen den Primat des Textes behaupten müssen. Ulrike Haage hat etwa zur Hälfte des Textes eine dramaturgisch orientierte Musik komponiert und montiert, die von vorklassischer Cembalomusik bis zu elektronischen Beats reicht und für die Zeitreise Orlandos und für dessen inneres Erleben Wegmarken setzt. Dadurch werden für die jeweils dargestellte Zeit die passenden Atmosphären geschaffen.

6.9.13 – Norbert Schachtsiek-Freitag/FK

IM ABSEITS.

IM ABSEITS.

Warum die Schule ein homophober Ort ist

Radio Feature von Elisabeth Veh

Bayerischer Rundfunk 2014
ca. 54 min.

Regie: Katja Langenbach

Es gibt Orte in Deutschland, an denen über die sexuelle Orientierung besser geschwiegen wird. Vor allem, wenn diese von der Norm abweicht. Das Fußballfeld ist so ein Ort, das zeigt das Outing des ehemaligen Nationalspielers Thomas Hitzelsperger. Erst nachdem er die Karriere beendet und dem Spielfeld dem Rücken gekehrt hat, spricht Hitzelsperger offen über seine Homosexualität. Für sein Outing erntete er viel Beifall. Aber man muss nicht Profifußballer sein, um mit Homophobie konfrontiert zu werden. Es reicht der Schulbesuch. Dass in Baden-Württemberg ausgerechnet jetzt ein Lehrplan-Entwurf, der für mehr Offenheit kämpft, per Online-Petition torpediert wird, zeigt wie schwierig der offene Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung ist. Wie wachsen junge Homosexuelle heran, zwischen Pausenhof und Turnhalle, wenn das Schimpfwort Nummer eins „Schwuchtel“ lautet? Warum tut sich ausgerechnet das Schulsystem so schwer damit, jungen Menschen auch in diesem Lebensbereich Unterstützung zu bieten? Während der mediale Jubel über das Outing Thomas Hitzelspergers noch anhält, begleitet Elisabeth Veh diese jungen Alltags-Hitzelspergers auf dem Pausenhof. Denn auch wenn auf dem Fußballfeld gerade ein moderner Held gekürt wurde - in der Schule ist man noch weit davon entfernt.

DEADLINE

DEADLINE

Menschen auf der Suche nach dem Leben vor dem Tod

Eine dokumentarische Collage von Margot Litten
Bayerischer Rundfunk 2013
ca. 54 min.

Bearbeitung: Katja Langenbach
Regie: Margot Litten

Ein Spiel. Und auch wieder nicht. Was wäre wenn?
Können wir den Ernstfall proben?
Was macht er mit uns? Und wir mit ihm?
Was könnte jetzt noch – was könnte jetzt erst - möglich sein?

Margot Litten hat Menschen von 18 bis 80 gefragt, wie sie mit der Diagnose umgehen würden: Sie haben nur noch ein Jahr zu leben!
Oder aber: Sie werden hundert Jahre alt!
Die Antworten: so heiter und traurig, so abgründig und weise wie das Leben selbst – Originalzitate, gelesen von Schauspielern, zusammengestellt in der dokumentarischen Collage DEADLINE.

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VIRGINIA WOOLF: JACOBS ZIMMER

VIRGINIA WOOLF: JACOBS ZIMMER

Aus dem Englischen von Gaby Hartel

Hörspiel in 4 Teilen
Bayerischer Rundfunk 2012

Bearbeitung: Gaby Hartel
Komposition: Jakob Diehl
Regie: Katja Langenbach

Die Produktion kann im Hörspielpool angehört werden.

Mit: Friedhelm Ptok, Britta Hammelstein, Sylvana Krappatsch, Wiebke Puls sowie Caroline Ebner, Dominik Kaschke, Sabine Kastius, Hans Kremer, Julia Loibl, Oliver Losehand, Alexander Lückenhaus, Benedikt Lückenhaus, Stefan Merki, Annette Paulmann, Georgia Stahl, Michaela Steiger, Andrea Wenzl und Johannes Zirner

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Eine Schriftstellerin um die Vierzig im Prozess, ihren scharfen Blick auf die Welt, deren Politik und innere Mechanik in erfahrungsnaher Literatur darzustellen. Eine untergehende Gesellschaftsform im England der (Vor-)Kriegszeit und ein junger Mann, der im Ersten Weltkrieg stirbt, noch bevor er seine Persönlichkeit voll entfalten konnte. Virginia Woolf, ihr Gegenstand und der Wunsch nach einem neuen, unmittelbaren Ausdruck: Das sind die äußeren Koordinaten des Romans Jacobs Zimmer, der 1922 erschien und ein wenig bekanntes Meisterwerk der Moderne ist.

Aus der inneren Logik des Romans entsteht eine faszinierende literarische Erfahrung, eine multisensorische Folge von atmosphärischen Ausschnitten, kurzen Einblicken, vielstimmigen Einschätzungen, die lose chronologisch aneinandergereiht sind. Wir begegnen Jacob als Kleinkind am Strand, erhaschen Eindrücke aus seiner Schulzeit, seinem Studentenleben in Cambridge, sehen ihn durchs nächtliche London zu einer Geliebten gehen oder nach Griechenland reisen. Das Unerhörte daran: Jacob selbst spricht nie und genau das war Virginia Woolfs Schlag gegen die viktorianische Erzählkonvention, in der sie sozialisiert wurde, und deren autoritäre Vorgaben sie zeitlebens angriff. Ihre gelungene Romanerfindung arbeitet erstmals mit einer Art fotografischer Schnitttechnik und zeigt, dass Jacob durchaus da ist: heraufbeschworen, nicht aus der Aufzählung von charakterbestimmenden Fakten und gedrechselten Sätzen eines allwissenden Erzählers, sondern auf geisterhafte Weise in Facetten gespiegelt: in den Blicken, Gedanken- und Gesprächsfetzen seiner Umgebung. Es ist, als blättere man mit angehaltenem Atem durch das Fotoalbum eines Fremden.

So stehen wir heutzutage im Leben, meinte Woolf, so erfahren wir die Welt: Wir gleiten durch eine Abfolge von symbolischen Räumen, durch sprechende Atmosphären, angerissene Szenen und Gesprächsfetzen, und wenn wir sie lesen lernen, verstehen wir vielleicht ein bisschen besser, wer wir sind.

Virginia Woolf ist bekannt für ihre schonungslose Selbstkritik, doch mit Jacobs Zimmer, das die Reihe ihrer berühmten Romanexperimente einleitete, war sie durchaus zufrieden: "Ich habe keinen Zweifel mehr, dass ich (mit 40!) herausgefunden habe, wie ich die Dinge in meiner eigenen Stimme ausdrücken kann", notierte sie beim Erscheinen des Romans in ihr Tagebuch

JOSEPH ROTH: DAS SPINNENNETZ

JOSEPH ROTH: DAS SPINNENNETZ

Bayerischer Rundfunk 2012

Ursendung:
27./28. Mai 2012, Bayern 2
je 54 min.

Komposition: Jakob Diehl
Bearbeitung und Regie: Katja Langenbach

Mit: Martin Carnevali, Norman Hacker, Lena Lauzemis, Bernd Moss, Thomas Thieme, Steven Scharf

Joseph Roths erster Roman Das Spinnennetz beschreibt den unaufhaltsamen Aufstieg der Faschisten im Deutschland der 20er Jahre.
Als enttäuschter Kriegsheimkehrer findet sich der ehemalige Leutnant Theodor Lohse nicht mehr zurecht. Zerbrochen sind seine Träume vom militärischen Triumph und seine Hoffnungen auf eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung. Stattdessen lebt er in ärmlichen Verhältnissen als Jurastudent und Hauslehrer bei einem reichen jüdischen Juwelier in Berlin. Sein Ehrgeiz treibt ihn schnell in die Arme einer rechtsradikalen Geheimorganisation, für die er zunächst als einer von vielen Spitzeln arbeitet. Endlich wieder einer klaren Führung verpflichtet, geht er über Leichen, um seine Aufgaben zu erfüllen, übereifrig, getrieben von der Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit und Kleinheit. Morde und militärische Kameradschaftlichkeit, Denunziation, ideologiefreies Kalkül und Paktieren mit politischen Gegnern sowie die Heirat in den deutschen Adel verschaffen ihm in der Folge eine Machtposition.
Doch trotz seines gesellschaftlichen Aufstiegs findet Theodor keine Ruhe und leidet unter Verfolgungswahn. Angst und Selbstzweifel dominieren ihn bis zum Schluss, er wird nicht erlöst von dem ihn ewig quälenden Ehrgeiz, unter dem eine große innere Leere liegt. Joseph Roth beschreibt mit Theodor Lohse und den ihn umgebenden Menschen die deutsche Identitätssuche nach dem 1. Weltkrieg.
Theodor ist ein Mensch ohne Halt in einer Gesellschaft der radikalen Gegensätze zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, Bürgertum, Adel und Proletariat, Hunger und Überfluss, Militarismus und kultureller Avantgarde, Spitzelwesen und lautstarken nationalen Studentenbewegungen, Antisemitismus und aufkeimender Demokratie, zwischen Gewalttätigkeit und Amüsierlust, zwischen Fortschritt und Reaktion. In dieser verwirrenden, explosiven gesellschaftlichen Gemengelage glaubt Theodor letztlich an nichts und niemanden – außer an sich selbst und sein Emporkommen. Einzig entscheidend ist, auf der Seite der Gewinner zu stehen. So mausert sich Theodor Lohse zum wichtigen Funktionär im sich anbahnenden nationalsozialistischen Deutschland.
Das Spinnennetz erschien als Fortsetzungsroman vom 7.Oktober bis 6. November 1923 in der Wiener Arbeiterzeitung und nahm damit die Ereignisse des Hitlerputsches, der sich nur wenige Tage nach dem letzen Abdruck ereignete, auf prophetische Weise vorweg.

MEIN KLEINES, FEINES REICH

MEIN KLEINES, FEINES REICH

die wahre Geschichte von Hansemann und Mi

Hörspiel von Gundula Iblher und Katja Langenbach

Bayerischer Rundfunk 2012

Ursendung:
14. Februar 2012, Bayern 2
ca. 55 min.

Regie: Katja Langenbach

Mit: Wiebke Puls, Tim Kramer

"Berühmte Menschen müssen immer ihre Memoiren schreiben, veröffentlichen ihre Briefe und lassen alle Welt in ihre persönlichen Sachen hineinsehen. Dann können andere Leute, die keine Briefe schreiben können, sich darüber verbreiten, wie sie alles besser gemacht hätten." Otto Hansen, 1930
"Bin 36-jährig, 1,92 Meter groß und ansehnlich, Wasserwanderer und Liebhaberfotograf, Kaufmann und Idealist", so lautete die Selbstbeschreibung der Heiratsanzeige, die der Hamburger Otto Hansen beim BUND aufgab, der "ersten Treuhandorganisation des Sichfindes". Unter den über 70 Frauen, die ihm mit Bewerbungsschreiben antworteten, war eine mit türkischem Absender: "Maria Heldmann, Guraba Hospital, Istanbul". Sie war eine hessische Pfarrerstochter, die ein für die damalige Zeit ungewöhnlich emanzipiertes Leben führte: unverheiratet und Leiterin einer Schwesternschule im Orient, wo sie für dreißig Mitarbeiterinnen verantwortlich war, dennoch mit der Sehnsucht nach einer "echten deutschen Ehe".
Der Briefwechsel, der sich zwischen "Hansemann" und "Mi" – wie sich die beiden bald zärtlich nannten - entspann, wurde von ihrer Enkeltochter entdeckt. Er ist ein lebhaftes Stück Alltagsgeschichte und gewährt einen privaten Einblick in die bewegte Zeit um 1930 in einer manchmal befremdlich deutschtümelnden Sprache. Der nüchterne Kaufmann und die impulsive Oberschwester versuchen, sich zwischen wagner‘ schem Pathos und technischem Fortschritt zu orientieren, zwischen Emanzipation und Konvention, Naturschwärmerei und Wirtschaftskrise, deutsch-nationalem Idealismus und Kriegstrauma. Ihre Reaktion auf die schwierigen Positionsbestimmungen liegt in einem kaum zu unterdrückenden Bedürfnis nach dem Rückzug ins Private. Und so ist fünf Monate und zahllose Briefe später alles ausgemacht: Maria Heldmann macht sich auf die Reise nach Hamburg zu einem Mann, den sie noch nie gesehen hat. Er soll der "Finanzminister", sie die "Innen- und Kultusministerin" ihres "feinen, kleinen Reiches" werden. Doch diese Liebesgeschichte zwischen zwei einfachen Menschen zeigt, dass sich Privatleben und Zeitgeschehen nicht voneinander trennen lassen. Das Familienidyll scheiterte an den politischen Ereignissen. Nach nur sieben Ehejahren brach der Krieg aus, die junge Familie wurde auseinander gerissen. Acht Monate nachdem sie wieder zusammen fand, starb Maria Heldmann.
"Die Zeit bekommt immer mehr Tempo und wer weiß, wie wir uns noch mal über die tolle Jugend werden wundern müssen, wenn wir ihre Taten an unseren veralteten Ansichten von 1930 messen werden."

AISCHYLOS: DIE PERSER

AISCHYLOS: DIE PERSER

Bayerischer Rundfunk/Münchner Kammerspiele 2011

Ursendung:
25. Juni 2011, Bayern 2
ca. 90 min.

Wiedergegeben von Durs Grünbein
Komposition: Carl Oesterhelt
Regie: Katja Langenbach, Johan Simons

Mit: Nico Holonics, Stefan Hunstein, Sylvana Krappatsch, Wolfgang Pregler, Hildegard Schmahl und einem Münchner Bürgerchor

In Die Perser greift der griechische Dichter Aischylos acht Jahre nach der Schlacht bei Salamis 480 v. Chr. – bei der er selbst dabei war – einen aktuellen Stoff auf. Es ist das älteste Stück des klassich-antiken Theaters und gilt als eines der ältesten der Welt. Außerordentlich ist Aischylos’ klug gewählte Perspektive, aus der Sicht des geschlagenen Gegners zu erzählen.
Atossa, die Mutter des jungen Perserkönigs Xerxes, ahnt das Unglück. Zusammen mit dem Rat der Ältesten wartet sie vor dem Palast in Susa auf Nachrichten aus der Schlacht. Xerxes ist erneut gegen die Griechen in den Krieg gezogen. Mit der Nachricht eines Boten werden die Befürchtungen war. Gemeldet wird der Untergang der mehr als 200 Schiffe umfassenden Flotte bei Salamis und die Niederlage des Heeres. Die Klage von Chor und Mutter mündet in eine Beschwörung des Geistes des Dareios, Vater und Vorgänger des Xerxes, der das Unglück als Strafe für Hybris, Machtstreben und Verblendung seines Sohnes deutet. Schließlich erscheint Xerxes: sich in Selbstanklage zerfleischend und zugleich die Ursache für die Katastrophe einem von außen auferlegten Schicksal zuschreibend. Zusammen mit dem Chor ertönt eine generationenübergreifende Schmerzens- und Totenklage.
"Das Drama des zoon politikon, das ohne Not sein Gemeinwesen aufs Spiel setzt, sich selbst überlassen, ausgeliefert den eigenen Kriegszielen und dem Phantasma der Allgewaltigen – Statistiken, Informationsströme, Medien, Dämonen, das sind Die Perser des Aischylos" schreibt der Lyriker Durs Grünbein. In Die Perser zeigt sich die Utopie in der Empathie der Sieger für die Besiegten. Der geschlagene Gegner muss nicht herabgesetzt werden, vielmehr stellen die Griechen sich im Mitleiden mit den geschlagenen Persern selbst in Frage.

Die Perser in der Inszenierung von Johan Simons, dem Intendant der Münchner Kammerspiele, wurde zunächst als Theateraufführung konzipiert. Für die Aufführung des Stückes haben die Münchner Kammerspiele den konventionellen Theaterraum verlassen und sich mit der ehemaligen Bayern-Kaserne in München Freimann für einen Schauplatz entschieden, der die Themen und Topoi der ältesten griechischen Tragödie aufgreift und in einen Bezug zur Gegenwart setzt. Neben dem Ensemble der Kammerspiele gibt es dort eine künstlerische Zusammenarbeit mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die Krieg erfahren haben. Der antike Chor besteht zum einen aus einem Bürgerchor, der durch seine Biografien den zeitgeschichtlichen Vorgaben des Ortes und den inhaltlichen des Stückes teilweise folgt: Bürgerinnen und Bürger, die noch konkrete Erinnerungen und Erlebnisse mit dem Zweiten Weltkrieg verbinden. Diesen historischen Zeugen, die am ehesten dem greisen Chor bei Aischylos entsprechen, wurde zum anderen eine zweite Gruppe an die Seite gestellt, deren Biografien von Kriegen der jüngeren Geschichte geprägt sind: Flüchtlinge aus dem Irak, Uganda und Bosnien.

Unmittelbar nach der Theateraufführung wird Aischylos’ Text als Hörspiel inszeniert. Die besondere Verbindung aus Ensemble und Bürgerchor wird dabei von Johan Simons und Katja Langenbach in seinen klanglichen Dimensionen erfahrbar gemacht und von den Kompositionen Carl Oesterhelts begleitet.

PRESSE

FUNKKORRESPONDENZ 24.6.2011
Ein eindringliches Erlebnis
Aischylos: Die Perser. Wiedergegeben von Durs Grünbein (Bayern 2)
Bayern 2 Sa 25.6. 15.05 bis 16.45 Uhr

Eine der schrecklichsten Schlachten Europas, Menschengemetzel unbekannten Ausmaßes, schlimmer als Waterloo und an Vernichtungswut mit Stalingrad zu vergleichen, liegt mehr als 2000 Jahre zurück. Im Jahr 480 v. Chr. vernichteten die zahlenmäßig unterlegenen Griechen bei Salamis das vorher nie besiegte Heer der Perser, die unter Dareios (Darius) ein Weltreich aufgebaut hatten. Sein Sohn Xerxes, machtbesessen und vom anfänglichen Kriegsglück verblendet, verlor an einem einzigen Tag seine ganze Flotte von mehr als 200 Schiffen und das gesamte Heer. Nur wenige, darunter er selbst, überlebten die Niederlage.
An dieser vernichtenden Schlacht nahm auf griechischer Seite der Dramatiker Aischylos teil. Nur vier Jahre nach der Schlacht von Salamis errang er den ersten seiner 13 Siege im Tragiker-Agon, also einem Theater-Wettkampf. 90 Tragödien soll er geschrieben haben, von denen jedoch nur sieben erhalten sind, darunter (neben der Trilogie der „Orestie“) sein wohl berühmtestes Werk: „Die Perser“. Die Uraufführung wird auf das Jahr 472 datiert. Aischylos schildert in dem Stück als Angehöriger der Siegernation in ungewöhnlicher Perspektive das Geschehen aus der Sicht der Geschlagenen.

Nicht zum ersten Mal hat die Hörspieldramaturgie des Bayerischen Rundfunks (BR), die bekanntermaßen und glücklicherweise vor hohen Ansprüchen nicht zurückschreckt, eine Zusammenarbeit in synergischer Kreativität mit einer „Schwesterdisziplin“ gewagt, in diesem Fall mit dem Theater, hier den Münchener Kammerspielen. Dabei wurde – und das erweist sich als wahrer Glücksgriff – der Lyriker Durs Grünbein mit der Übersetzung aus dem Griechischen beauftragt. Offensichtlich mit dem Original sehr vertraut und voller Respekt vor dessen Sprachgewalt gelingt ihm eine Übertragung, die den „klassischen“ Ton wahrt, mit großer Sicherheit und Sensibilität die Metrik nachformt, den Rhythmus ebenso beibehält wie den „tragischen Klang“, und dies auf eine Weise, die man nicht als „modern“ bezeichnen mag, denn diese Floskel greift hier nicht.

Durs Grünbein ist es vielmehr gelungen, eine poetische Harmonie zwischen Original und Übertragung zu erschaffen, die alle Bewunderung wert ist. Metrik fordert äußerste Genauigkeit, Disziplin, aber auch poetische Fantasie und gelegentlich durchaus kühne Freiheit im Umgang mit der Semantik („Sind ihnen Pfeile bekannt? / Verstehn sie, den Bogen zu führen, geschickt?“). Und selbst da, wo – an wenigen Stellen – Modernismen oder dialektale Einsprengel im ersten Moment irritieren und zu stören scheinen, erweisen sie sich im Zusammenklang als nachvollziehbarer Tribut an den metrischen Kosmos des Gesamtwerks („In Athen, heißt das, / ging kein einziger Ziegel zu Bruch“ oder „Wer von den Jungs / hat den Feldzug geführt, / sag mir das“).

Johan Simons, der Intendant der Münchener Kammerspiele, hat zusammen mit Katja Langenbach die Produktion zunächst als Theateraufführung inszeniert. Der vertraute Umgang der Schauspieler mit dem schwierigen Text tut der Interpretation gut. Es entsteht eine Intensität der Gestaltung, die dem Hörer das Geschehen bedrängend nahebringt. Virtuos, aber einfühlsam gehandhabte, wechselnde Ausdrucks- und Klangebenen zeichnen den Sprechduktus von Hildegard Schmahl als Chorführerin aus. Ihr stehen die anderen Protagonisten in nichts nach – Sylvana Krappatsch als Atossa, Mutter des Xerxes, Nico Holonics als Xerxes selbst und vor allem Wolfgang Pregler als großer Staatsgründer Dareios und verzweifelter Vater des menschenverachtenden, Städte schleifenden und doch, in all seiner Hybris, unglückseligen Sohnes.

Der Produktionsort für die Theaterperformance wurde auch für die rund 100-minütige Hörspielinszenierung beibehalten. Die Bayern-Kaserne im Münchener Stadtteil Freimann ist heute Unterkunft für Flüchtlinge aus Krieg führenden Ländern und Krisenregionen. Viele wirken mit im akzentuiert eingesetzten Chor, der die Bedrängnis der Besiegten durch diese besondere Authentizität eindrucksvoll umsetzt. Gelegentliche stimmliche Unzulänglichkeiten tun dem Gesamten keinen Abbruch, zumal der dumpfe und bedrängende Ton des Komponisten und Percussionisten Carl Oesterhelt die zunehmende, stumpfe Ohnmacht des einstmals so glanzvollen und siegesgewohnte Heeres auf äußerst suggestive Weise durchgehend präsent hält.

„Die Perser“ ist ein eindringliches Erlebnis, das auch in Hörbuchform auf großes Interesse bei allen Liebhabern von Sprach- und Medienkunst stoßen sollte. (Die Produktion steht nach der Ursendung auf Bayern 2 auch als Download im BR-Hörspielpool bereit.)

24.06.11 - Angela di Ciriaco-Sussdorff/FK

RAYMOND FEDERMAN: DIE KADAVER – EINE FABEL IN 6 BILDERN UND EINER LISTE

RAYMOND FEDERMAN: DIE KADAVER - EINE FABEL IN 6 BILDERN UND EINER LISTE

Bayerischer Rundfunk 2010

Ursendung:
27. August 2010, Bayern 2
ca. 55 min.

Bearbeitung: Gaby Hartel
Komposition: zeitblom
Regie: Katja Langenbach

Mit: Rene Dumont, Oliver Nägele, Stefan Wilkening

Ein Mann in seinem kalifornischen Arbeitszimmer mit Traumaussicht: Die Sonne strahlt, die Vögel durchziehen das wolkenbetupfte Himmelsblau und keiner hetzt ihn, denn sein einziger Job ist das Schreiben. Ein Luxuszustand? Nicht ganz, denn der Schriftsteller Raymond Federman denkt in seinem letzten Prosatext über das Sterben nach. Genauer: über das Leben nach dem Tod.
Das Thema ist an sich nichts Neues in seinem Schaffen, denn zwei Dinge haben das Schreiben Federmans seit jeher bestimmt: die traumatische Erfahrung als Überlebender des Holocaust und seine unbändige Lust, diese Erfahrung in eine vitale, verspielte Literatur einzuschreiben. Oberstes Handlungsgesetz war dabei immer die überzogene Erfindung, die Abschweifung und das selbstironische Lachen über den unbeholfenen Versuch, angesichts des großen schweigenden Nichts eine Sprachwelt erschaffen zu wollen.
Genauso hat Federman sein letztes Wort über die "letzten Dinge" angelegt: als polyphon erzählte, vital wuchernde Fabel, die sich in sechs Bildern und einer Liste vor den Ohren seines Publikums entfaltet. Getrieben und getragen von drei munter durcheinander redenden Stimmen, entwickeln sich Science-Fiction-Phantasien aus abstrakten Bildern, Fragen nach dem Aussterben der Dinosaurier folgen Echos philosophischer Trostmechanismen. Nur um immer wieder fröhlich demontiert zu werden, denn eine Antwort auf die Frage nach dem "Danach" wollte der Autor nicht geben. Vielmehr der Nachwelt das komischste Buch über den Tod hinterlassen.

JENNY ERPENBECK: HEIMSUCHUNG

JENNY ERPENBECK: HEIMSUCHUNG

Bayerischer Rundfunk 2009

Ursendung:
6. und 13.11.2009, 20:30 Uhr
Bayern 2

2 Teile, je ca. 75 min

Veröffentlichung auf CD: Eichborn, 2009

Komposition: Ulrike Haage
Bearbeitung und Regie: Katja Langenbach

Mit: Ulrike Arnold, Thorsten Nindel, Peter Fricke, Paul Herwig, Walter Hess, Nico Holonics, Sylvana Krappatsch, Julia Loibl, Bernd Moss, Wiebke Puls, Christiane Rossbach, Hildegard Schmahl, Katharina Schubert, Elisabeth Wasserscheid, Stefan Wilkening

heimsuchung

Kann man Heimat bauen? Ist sie tatsächlich festzulegen auf einen Flecken Erde und den Besitz eines Hauses? Oder ist Heimat die Kindheit in einem anderen Land, die mit Kriegsausbruch für immer verloren ging? Kann Heimat ein Land sein, aus dem man vertrieben wurde? Wie überwindet man das Heimweh, das durch den Verlust politischer Utopien ausgelöst wurde, das unabhängig ist von einem Land?
Von der "Heimsuchung" erzählt das zweiteilige Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck. Über ein Jahrhundert hinweg, von der Kaiserzeit bis in die Nachwendezeit, verfolgt es die Lebenssituationen der wechselnden Bewohner, Nachbarn und Besucher eines Hauses im Brandenburgischen. Die Geschichte Deutschlands bzw. Europas spiegelt sich an dieser Heimstatt.
Den Anfangspunkt dieses historischen Reigens bildet ein Großbauer, der sein Waldgrundstück an einem märkischen See verkauft: unter anderem einem Architekten und einem jüdischen Tuchfabrikant. Der Grund, der stets für die landwirtschaftliche Nutzung und als Mitgift vorgesehen war, wird zu einer Erholungsoase für Berliner Sommerfrischler.
Mit großer Liebe zum Detail errichtet der Architekt in den 1920er Jahren für sich und seine Frau ein Sommerhaus und verwurzelt ihrer beider Leben dort. Von den politischen Veränderungen der Nazizeit profitiert er. Dem jungen jüdischen Nachbarn, der seine Familie zurücklässt und emigriert, kauft er sein Erbgrundstück für die Hälfte des Verkehrswertes ab.
1945 wird das Haus von der Roten Armee besetzt und ein junger Major erfährt in der Begegnung mit der Architektengattin in einem Kleiderschrank, wie Fremde und Heimat für einen Moment eins werden können.
Nachdem das Architektenpaar in den Westen flieht, pachtet eine Schriftstellerin das Grundstück am See, eine überzeugte Sozialistin, die aus der Emigration zurückkehrt, um mitzuhelfen, in der ehemaligen Heimat eine neue Heimat aufzubauen. Doch die Realpolitik der DDR treibt sie in die innere Immigration.
In der Nachwendezeit fordern die Erben des Architektenehepaars das Grundstück zurück und zwingen die Enkelin der Schriftstellerin zur Räumung des mittlerweile baufälligen Hauses. Dem Gebäude droht der Abriss.
Jenny Erpenbeck stellt den historischen und politischen Umwälzungen die Figur eines Gärtners gegenüber. Jahr um Jahr gießt er im Sommer die Blumen, harkt im Herbst das Laub, spaltet Holz für den Winter, beschneidet Obstbäume und mäht im Frühjahr das junge Gras.
Katja Langenbach behält in ihrer Hörspiel-Bearbeitung die subjektive Perspektive des Romans bei. Jede Figur erzählt ihre Geschichte in einer eigenen literarischen Form, in die sich mitunter andere Stimmen einmischen. So werden die Motivwiederholungen und Parallelerzählungen hervorgehoben, mit denen Jenny Erpensbeck die Episoden verwoben hat.
Immer, wenn Jenny Erpenbeck ihren scharfen Blick auf die Dinge richtet, verändern sie sich blitzartig. Die Oberfläche schmilzt. Darunter kommt zum Vorschein, was als subkutane Irritation die Figuren bewegt.
(Pia Reinacher in der FAZ, 9.10.2001)