JENNY ERPENBECK: HEIMSUCHUNG
         

4.Juni 2010, Neue Zürcher Zeitung

Ein Haus am See und seine Bewohner

czz. ⋅ Ein Haus am See als Spiegel der Historie und die Geschichten seiner Bewohner als Inbilder der wechselnden Geschicke der Geschichte: Hintergründig mit «Heimsuchung» betitelt, fokussiert Jenny Erpenbecks Roman die Zeitläufte eines Jahrhunderts in einem basalen Schaubild. Die Figuren verfangen sich in den Tücken der jähen Wechsel, ohne dass eine Heilsgeschichte am Horizont erschiene: Allesamt Objekte der Historie, bleibt ihnen historische Handlungsfähigkeit versagt. Wenn es das Privileg der Literatur ist, den verhallenden Stimmen nachzulauschen, so kehren sie im Hörspiel in schöner Sinnlichkeit «zurück». Katja Langenbach hat für den Bayerischen Rundfunk eine audiophone Fassung des Romans realisiert, in welcher szenische Sequenzen in einem bewusst künstlichen Raum teils mit genresicheren Kompositionen (Ulrike Haage) wechseln, teils von leitmotivisch eingesetzten illustrativen Effekten punktiert werden. In dieser halb musikalischen Gestalt tritt das Rondomässige mancher Geschichte stärker hervor als in der puren Prosa. Hier, im akustischen Anklang von Dauer und Wechsel, findet ein eher dem zyklischen Gedanken verschriebenes Geschichtsbild seinen angemessenen Ort.

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, Hörspielbearbeitung und Regie: Katja Langebach, 2 CD (152 Min.), BR/Eichborn 2009.

         


DONAUKURIER, 2.7.2009